Do. 24.4.25, 18 Uhr, Kupferbau, HS 25, Hölderlinstraße 5, 72074 Tübingen

Der Begriff ‚queer‘ wird oft ausschließlich mit menschlichem Geschlecht und Begehren, mit menschlicher Sprache und Kultur in Verbindung gebracht. Dabei sind Sexualität jenseits von Reproduktion, gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten und geschlechtliche Vielfalt auch bei verschiedensten Tierarten weit verbreitet. Pflanzen, Pilze und Mikroben sowie andere nicht-menschliche Lebensformen unterwandern zudem entschieden Vorstellungen von einer ‚Natürlichkeit‘ von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität und können uns dazu inspirieren, auch menschliches Geschlecht, Begehren und Zusammenleben anders zu denken.

Menschliche Kategorien von Geschlecht, Sexualität, Reproduktion, aber auch bestimmte Charaktereigenschaften werden oft auf die ‚Natur‘ projiziert, und die Welt des Nichtmenschlichen wird dazu herangezogen, Verhaltensweisen und Machtstrukturen menschlicher Gesellschaften zu legitimieren. Dabei zeigen sich bei genauerem Hinsehen in vielen Bereichen des Nichtmenschlichen entgegen unseren Erwartungen ‚queere‘ Formen von Sexualität und Geschlecht, aber auch von Solidarität, Kooperation und Zugehörigkeit. Wir können also in zweierlei Hinsicht viel von den ‚queer creatures‘ dieser Welt lernen. Einerseits bietet ein Blick auf die ganze Bandbreite von morphologischen, sozialen und reproduktiven (und nicht-reproduktiven) Spielformen der nichtmenschlichen Natur Erkenntnisse über Vielfalt und Funktion von Geschlecht und Sexualität jenseits enger Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und Fortpflanzung. Andererseits stellen Lebensformen wie Pilze oder Mikroben faszinierende Modelle dar, die auch für die Theoriebildung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch in der Technikentwicklung und im Bereich der ‚Künstlichen Intelligenz‘ aktiviert werden können. Auch in Literatur und Kunst bieten Tiere und Pflanzen einen reichen Imaginationsschatz, der zum Ausloten queerer Modelle und Möglichkeiten einlädt. Eine queere Perspektive auf die ‚Natur’ und die nichtmenschliche Welt schärft also ein kritisches Bewusstsein für die Konstruiertheit von Kategorien und die unscharfen Grenzen zwischen (vermeintlich rein menschlicher) ‚Kultur‘ und ‚Natur‘.

Gleichzeitig zeigen jüngste Entwicklungen in KI und Robotik, wie menschengemachte Kategorien und Vorstellungen bewusst und
unbewusst in nichtmenschliche Systeme eingeschrieben werden. In dieser Vorlesungsreihe wollen wir in Beiträgen aus den Natur-, Technik-, Geistes-, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften fragen, wie wir mit dem Nichtmenschlichen – beispielsweise mit Pflanzen, Tieren, Pilzen, Mikroben, Robotern und KI – denken, forschen und arbeiten, dabei kritisch vorhandene Kategorien und Strukturen menschlicher Gesellschaften be- und hinterfragen und aus der Komplexität und Vielfalt der Welt jenseits des Menschlichen lernen können.

Organisation: Zentrum für Gender- und Diversitätsforschung

17.04.2025
Regenbogen der Evolution: Geschlecht im Tier- und Pflanzenreich

Dr. Melanie Kirch, Zentrum für Quantitative Biologie, Tübingen

24.04.2025
Von Milchkühen, Melkrobotern und Macht: Feministische Aspekte des Mensch-Tier-Verhältnisses

Dr. Leonie N. Bossert, Institut für Philosophie, Wien

15.05.2025
‚Queer Procreation‘ in Octavia Butlers “Bloodchild” (1984)

Prof. Dr. Ingrid Hotz-Davies, Englisches Seminar, Tübingen

08.05.2025
Queere Mikroben? Perspektiven aus Wissenschaft und Literatur

Dr. Davina Höll, Zentrum für Gender und Diversitätsforschung, Tübingen

22.05.2025
Die Grenzen der Interaktionsordnung: Begegnungen zwischen Mensch und Hund und Hunde unter sich

Prof. Dr. Marion Müller, Institut für Soziologie, Tübingen

05.06.2025
Sex in Your Garden: Eine Zeitreise durch die Wahrnehmung der Sexualität der Pflanzen von der Antike bis heute

Dr. Alexandra Kehl, Botanischer Garten, Tübingen

26.06.2025
Mycelial Entanglements: Pilze als Theoriemodell in der anglophonen Literatur und Populärkultur

PD Dr. Anya Heise-von der Lippe, Englisches Seminar, Tübingen

03.07.2025
Das Nichtmenschliche als Mensch: Künstliche Intelligenz als Simulation des Natürlichen

Prof. Dr. Jessica Heesen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Tübingen

10.07.2025
‚Alle nach ihrer Art?‘ Queere Tiere im Film

Prof. Dr. Inge Kirsner, Institut für Evangelische Theologie, Paderborn

17.07.2025
Queere Technik / Technik queeren: Was Intimität, Technik, Ethik und Feminismus miteinander zu tun haben

Prof. Dr. Toni Loh, Zentrum für Ethik und Verantwortung, Fachbereich Sozialpolitik und Soziale Sicherung, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

24.07.2025
Fishbowl-Diskussion: Was will / kann ‚queer‘?

(Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden noch über www.uni-tuebingen.de/studium-generale bekannt gegeben)

Studium Generale: Queer Creatures: Gender, Diversität und das Nichtmenschliche – Von Milchkühen, Melkrobotern und Macht: Feministische Aspekte des Mensch-Tier-VerhältnissesStudium Generale: Queer Creatures: Gender, Diversität und das Nichtmenschliche –